• sfinke7

Der Wille zum Sieg

Aktualisiert: 5. Okt.

Eigentlich liegt mein Recherchefokus derzeit nach wie vor auf der (Rad)Sportgeschichte. Weil ich aber unmöglich einen Bericht über Petra Koch schreiben kann, ohne auch einen über ihre Tochter folgen zu lassen, gibt es heute noch einmal ein Intermezzo zur Radsport-Gegenwart. Sind Ehrgeiz und Verantwortungsbewusstsein, Familie und Autonomie Gegensätze? Franziska Koch beweist: Nein. Mit ihren zweiundzwanzig Jahren hat sie die harten Lehrjahre in der Frauenklasse allmählich hinter sich, durch die meine Interviewpartnerin Linda Riedmann sich gerade hindurchkämpfen muss. Deshalb konnte Franzi mir auch dazu einige spannende Einblicke geben. Wenn ich jetzt noch in die Radsport-Zukunft schauen könnte! Aber das Orakeln überlasse ich lieber mal den Fachleuten und bleibe bei meinem Leisten: dem Erzählen …

© Franziska Koch (Fotograf: Daniel Geiger)

Es ist Sonntagvormittag, einer der viel zu heißen im August. Während ich den Rechner hochfahre und die Kamera anschließe, habe ich Zeit, mich zu wundern. Kein Adrenalin bis in die Haarspitzen, kein Eisklumpen, wo normalerweise der Magen sitzt. Mein Aufregungspegel scheint dieses Mal nicht seinen üblichen Ehrgeiz zu entwickeln, jede Skala zu sprengen. Vielleicht hat die sonntägliche Ruhe in der Stadt ein wenig auf mich abgefärbt, als ich ins Büro gelaufen bin. Oder es ist, weil ich die junge Frau, die ich gleich sprechen werde, als Interviewpartnerin bereits „kenne“. Schon vor einigen Monaten habe ich mein allgemeines Recherche-Gespräch mit ihr geführt. Jetzt soll es nur um ein paar Eindrücke zur Tour de France Femmes gehen. Dachte ich. Am Ende werden wir wieder gut eine Stunde gesprochen haben und an den meisten wichtigen Stationen ihrer aktuellen Saison vorbeigekommen sein. Denn Franziska Koch fährt nicht nur gern Rad, sie erzählt allem Anschein nach auch gern davon. So fröhlich, vielschichtig und voller lebendiger Details wie Menschen es tun, deren Leben in Sachen Ereignisreichtum gerade einiges zu bieten hat.


Ihr Gesicht, das nun auf meinem Bildschirm erscheint, kenne ich bisher nur von Fotos. Als wir uns das erste Mal sprachen, war sie gerade in Spanien, wo sie zwei Tage darauf bei der Setmana Ciclista Valenciana (einem viertägigen Etappenrennen) in die Rennsaison starten sollte. Weil auf ihrem Zimmer das W-LAN zu instabil war, musste sie sich für unseren Video-Call in die Hotellobby setzen. Mit Maske, denn „damals“ galten ja noch überall strikte Corona-Regeln. Nun sehe ich im Hintergrund etwas wie eine Wohnküche. Eine Kommode mit Mikrowelle und Zimmerpflanzen, links ein Durchgang in einen anderen Raum. Wo sie gerade sei? Sie lacht. „Das ist eigentlich auch ziemlich witzig! Ich bin in Planche des Belles Filles, also dort, wo die letzte Etappe der Tour war. Die bin ich ja nicht mehr gefahren, weil ich einen Tag vorher aus dem Zeitlimit rausgeflogen war. Da habe ich sozusagen Zuschauer gespielt, und dabei hier sehr nette Leute kennen gelernt, die mir angeboten haben: Ja, sie haben so ein kleines Gästehäuslein. Ich hatte nach der Tour drei Wochen trainingsfrei, und da wusst‘ ich schon so, ah, ich will auf jeden Fall in eine schöne Gegend. Planche des Belles Filles ist ja nur eineinhalb Stunden mit dem Auto von Freiburg weg, wohin ich sehr gern zum Trainieren gehe. Ich konnte dann erst eine Woche bei Freunden in Freiburg wohnen, und jetzt bin ich noch ein paar Tage hier, bevor ich dann wieder zur EM nach München fahre.“


Reisen, an vielen Orten zuhause sein – dies scheint definitiv einer der Aspekte zu sein, den Franziska Koch an ihrem Beruf besonders schätzt. Das habe ich schon in unserem ersten Gespräch festgestellt. Den Winter hatte sie in Girona verbracht, dem spanischen Städtchen, das sich in den letzten Jahren unter Profiathleten zu einer Art Mekka des Wintertrainings gemausert hat. „Ich wollte auf jeden Fall den Winter im Warmen verbringen“, erklärte sie mir, „und ja, dann wurd’s dieses Jahr Girona. Aber meine aktuelle Wohnsituation ist, dass wir vom Team Appartements zur Verfügung gestellt bekommen, die sind in Sittard. Da hab ich mein eigenes Appartement, wo ich wohnen kann, was auch sehr cool ist, und es ist nur hundert Kilometer weg von meinen Eltern.“ Sittard liegt an der deutsch-niederländischen Grenze und ist der Stammsitz von DSM, dem Team, für das Franziska Koch startet. Vor allem wenn Rennen anstehen, sei sie dort, weil die gemeinsamen Anreisen dort beginnen. „Aber ich mag auch die Berge sehr gerne, von daher bin ich nicht allzu viel zuhause, wenn ich keine Rennen hab, sondern, keine Ahnung, geh auf Trainingslager. Letztes Jahr war ich z.B. in Livigno und in Frankreich.“


Auch als sie nach der Tour de France Femmes nun die erste längere Wettkampfpause seit Wochen hatte, hielt es sie nicht lange an einem Ort. „Ich war seit Mai nur unterwegs“, erzählt sie, „aber ich liebe es halt auch, unterwegs zu sein und in andern Gegenden. Und dann nach der Tour war’s erstmal so: Ich hab schon zu meinem Trainer gesagt: Jetzt muss ich erstmal wieder lernen zu trainieren, weil ich bin ja nur von Rennen zu Rennen gehüpft. Dann war ich auch fünf Tage zuhause, und ja, da arbeite ich dann schon immer so meine Checkliste ab, mit den Leuten, die ich schon vermisse, wenn ich immer unterwegs bin. Das sind dann meine besten Freundinnen, die in meiner Stadt wohnen, oder halt auch meine Großeltern, meine Familie. Das hat mich dann schon sehr gefreut, die einmal wiederzusehen. Aber mein Fernweh hält mich immer auf Trab, und dann bin ich ja auch nach fünf Tagen schon wieder nach Freiburg gefahren.“


Die Qual der Wahl


„Zuhause“, das ist Mettmann, ein Städtchen in der Nähe von Düsseldorf und Stammsitz der Radsportfamilie Koch. Hier ist Franziska aufgewachsen, hier trainierte sie als Kind im selben Verein wie schon ihre Mutter, dem RV Edelweiß Mettmann, und verließ ihn schließlich aus denselben Gründen wie sie, nämlich als sie leistungsorientierter zu trainieren begann und einen Verein mit Rennschwerpunkt brauchte. Ihr Talent zum Radfahren, oder, in Koch’scher Redensart ausgedrückt, erste sichere Anzeichen für die Infektion mit dem „Virus“, zeigten sich schon in sehr jungen Jahren. „Meine Eltern haben letztens alte Videoaufnahmen nochmal rausgeholt“, erzählt sie mir in unserem ersten Gespräch, „und dann war da auch ne Aufnahme von mir auf dem Fahrrad, und da bin ich so Kreise im Garten gefahren. Da hab ich gedacht: ok, damals hatte ich schon das Rennfieber, weil dann meine Mama auch so den Countdown gestartet hat, so ‚uuund auf die Plätze, fertig, los‘, und ich dann losgespurtet bin. Also irgendwie, ich glaub dieses Rennen fahren oder so, schnell sein, war schon immer in meinen Genen drin.“


Bereits als Kleinkind war sie auch bei Rennen am Streckenrand mit dabei, weil ihre älteren Geschwister ja ebenfalls Rad fuhren. „Ich war schon immer an der Rennstrecke, also das war nichts Ungewöhnliches für mich“, erinnert sie sich. „Aber ich glaube, es hat für mich sogar ein bisschen gebraucht, bis ich mal mein erstes Rennen gefahren bin, weil ich früher irgendwie nicht so offen für Neues war, sagen wir’s so. Weil ich hatte immer Angst. Also ich kannte die Rennstrecke, aber selber drauf gefahren, bin ich erst mit neun Jahren. Ich glaub mit neun bin ich mein erstes Rennen gefahren.“ Als sie diese Geschichte im Radsportpodcast „Besenwagen“ erzählte, wo sie vor einigen Wochen zu Gast war (Folge #170 vom 23. Juni 2022, ab 39:13 Min.), erntete sie dafür erst ein verdutztes Schweigen – und dann Lachen. Ein erstes Rennen mit neun Jahren ist eigentlich ziemlich früh. Das Radfahren, verrät Franzi bei dieser Gelegenheit noch, habe sie mit zweieinhalb gelernt. Auch diese Initiation ist für das Familienarchiv aufgezeichnet worden – und war ein spontaner Erfolg. Auf dem Video sei zu sehen, wie ihr Vater sie aufs Rad setzte, und sie eigentlich gleich losgefahren sei.


Trotzdem war ihr Weg nicht vorbestimmt. „Ich hab früher auch ganz viele andere Sachen gemacht“, betont sie, als sie mir in unserem ersten Gespräch Einblick in ihren Werdegang gibt. „Also das ist jetzt nicht so, dass meine Eltern mich nur auf’s Fahrrad geschickt haben, sondern ich war auch in der Leichtathletik, im Turnen, Schwimmen, und woran ich mich noch gut erinnern kann, war so: Es wurde so langsam immer aussortiert, weil ich mach so viel, aber meine Woche hat auch nur sieben Tage, und dann war’s immer: Ok, möchtest du vielleicht mehr Rad fahren? Aber dafür müsstest du z.B. Schwimmen aufhören. Und dann hab ich mich halt dafür entschieden, ja, schwimmen macht mir nicht mehr so viel Spaß, ich will lieber, z.B., Radball spielen. Und ab nem gewissen Punkt war’s dann halt so: Ok, ich hör im Prinzip alles auf und bleib nur noch beim Radfahren.“


Aber noch einen weiteren Kristallisationsprozess musste sie durchlaufen. Franzi ist nämlich eine echte Allrounderin. In fast allen Disziplinen, die der Radsport zu bieten hat, war sie im Jugend- und Juniorinnenbereich erfolgreich. Sowohl auf der Straße als auf der Bahn konnte sie mehrere nationale Meisterschaftstitel einfahren. Deutsche Meisterin im Mountainbike (Cross Country) war sie sogar in drei aufeinanderfolgenden Jahren (2016, 2017 und 2018). Vor allem die Frage Mountainbike oder Straße habe sie deshalb regelmäßig in ein handfestes Dilemma gebracht. „Also mir ist es immer echt schwergefallen, dass man sich für den Nationalkader einer Disziplin entscheiden musste, weil man kann nicht in zwei Nationalkadern sein. Das war jedes Jahr so ne Bauchschmerzen-Entscheidung für mich – ich hab halt beides gern gemacht. Ich hab mich immer für Mountainbike entschieden, einfach weil der Kader mir mehr bieten konnte, wie z.B. Trainingslager, wo man die Technik, Downhill, lernen kann. Das hat mir viel mehr gebracht, als wenn ich einfach Stundenkilometer mit den andern Mädels auf der Straße bring. Von daher hab ich mich immer für den Mountainbike-Kader entschieden. Aber das hieß jetzt nicht, dass ich nicht genauso gern Straße gefahren bin.“


Dass sie schließlich doch „auf der Straße“ landete, wurde durch einen äußeren Faktor begünstigt: Team DSM (damals noch Sunweb) nahm Kontakt zu ihr auf. „Dann war es halt so die Entscheidung: Geh ich jetzt den Weg in ein Straßen-Team, weil ich wusste, ok, dann ist das Mountainbike so’n bisschen zurückgesteckt. Aber auf der anderen Seite, wenn man mit achtzehn Jahren einen Profivertrag vor die Nase gehalten bekommt, ist es natürlich auch schwer, nein zu sagen.“ Man verpflichtet sich ja auch nicht auf Lebzeit für ein Team, der Gedanke habe ihr geholfen. „Für mich war es halt so, selbst wenn ich’s vielleicht nicht mag, nach zwei Jahren kann ich ja immer dann noch das Team wieder verlassen und auf’s Mountainbike gehen. Das war der Hintergedanke – in der Realität sieht’s jetzt ein bisschen anders aus…“


Der Vater als Trainer


Bis zu ihrem Vertrag bei DSM ist Franziska Koch von ihrem Vater Christian Koch trainiert worden. „Mit meinem Papa hab ich immer sehr engen Kontakt gehabt“, sagt sie. „Meine Mama hat am Anfang nicht mehr gearbeitet, als sie uns Kinder bekommen hat, ich hab ja auch drei Geschwister, ich glaub dann war sie so fast achtzehn Jahre nicht mehr arbeiten. Als ich ca. acht war, haben meine Eltern geswitcht. Dann hat mein Papa nicht mehr gearbeitet, und ja, deswegen, seitdem ich acht war, war dann mein Rhythmus so: Ich komm von der Schule, er hat was gekocht, wir haben zusammen Mittag gegessen, und dann sind wir zusammen Rad gefahren.“ Es waren aber nicht bloß Ausfahrten zu zweit. „Wir hatten dann in dem Verein von meiner Stadt immer so ‘n Jugendtreff, und den hat auch mein Papa geleitet. Da hat er sozusagen die Touren organisiert oder sich Gedanken gemacht: Ok, was möchte er den Kindern heute beibringen, keine Ahnung, freihändig fahren, nebeneinander fahren, oder so Kleinigkeiten. Das hat er immer gemacht, und so hatte ich auch ne Jugendgruppe und Freunde, mit denen ich zusammen Rad fahren konnte.“


Ihre Mutter hingegen war in anderer Hinsicht beteiligt. „Ja, meine Mama hat meistens so hinter den Kulissen gearbeitet, würd‘ ich sagen, was ich gar nicht so mitbekommen hab, weil ich bin halt einfach die Rennen gefahren. Aber meine Mama hat immer geguckt: Ok, welche Rennen gibt’s alles, und dann gibt’s ja zwischen Mountainbike und Straße auch immer diese Überschneidungen. Sie hat dann alles rausgeschrieben, und ich glaub sie hat damals auch eine Liste geschrieben, so: Welches Rennen bin ich gefahren, welche Platzierung hatte ich, dass man halt einfach so ne schöne Liste hat, auf die man am Ende des Jahres dann zurückschauen kann. Also ich würd‘ sagen: Mein Papa war da so für’s Training zuständig und meine Mama war so diejenige, die alles organisiert hat.“ Und lachend fügt sie hinzu: „Das ist immer schon eigentlich ne gute Teamarbeit gewesen.“


Aber auch noch eine Rolle kam Petra Koch manchmal zu: diejenige als Vermittlerin. Denn mit einer nahen Bezugsperson in einer bestimmten Sache zusammenzuarbeiten, ist einerseits schön und bereichernd für beide. Andererseits ist es aber auch nicht immer leicht. Ich kenne das aus meiner Jugendzeit, wenn ich mich mit meinem Vater, einem Mathe- und Sportlehrer, auf anstehende Klassenarbeiten in Mathe vorbereitete. Manche Dinge kann man von Personen, die man in einer bestimmten Funktion kennen gelernt hat (z.B. „Mathenachhilfelehrer“), besser annehmen als von einem Elternteil. Oder man möchte von einem Menschen, der einem sehr nahesteht, zunächst erst einmal Bestätigung, anstatt sofort Kritik zu bekommen, sei sie auch noch so konstruktiv gemeint.

„Im Training hab ich immer sehr gut auf ihn gehört“, erzählt Franzi, als ich sie frage, was ihre Erlebnisse in dieser Hinsicht sind. „Aber manchmal war’s dann auch so, wenn er gesagt hat: Ok, du fährst jetzt fünf Sprints, aber ich hatte die Meinung, der fünfte war blöd, oder der dritte war blöd, das heißt ich will sechs fahren. Als Tochter setzt man sich dann schon mehr durch, oder es ist halt so: Ja ich will aber, und ich mach jetzt. Wenn man dann einen Trainer hat, der nicht so eine enge Bezugsperson ist, dann sagt man vielleicht: Ok, ok, ich folg einfach nur dem, was er sagt, ohne jetzt zu diskutieren. Ich würd sagen: Das war dann auch so ‘n bisschen ein Knackpunkt, weil mein Papa will mich natürlich auch nicht bremsen. Aber auf der anderen Seite ist ein Trainer ja auch dafür da, den Sportler zurückzuhalten. Das war dann oft hart die Balance zu finden, weil natürlich, wenn er nein sagt, bin ich pissed, und das heißt, ja, nicht so ‘ne gute Diskussion, sagen wir’s so.“


Wenn in solchen Situationen nicht ohnehin beide schon kurz darauf einsahen, dass da etwas schiefgelaufen war und darüber redeten, konnte es vorkommen, dass Petra Koch der Versöhnung auf die Sprünge half. „Ja, ich würd sagen auch meine Mama war dann manchmal sozusagen mein rettender Anker, die dann gesagt hat: Ok, guck mal, das ist jetzt so wie Papa das sieht, und er will dir nur helfen. Zum Beispiel, ich weiß nicht, wenn ich ‘n Sprint gefahren bin und zu früh angefangen hab und mein Papa sagt’s mir dann, aber ich kriegs’s in den falschen Hals und denk mir so: Er macht mich gerad nur schlecht. Dann war meine Mama immer so diejenige, die ‘n bisschen vermittelt hat oder die dann auch zu meinem Papa gesagt hat: Ja guck mal, die kommt jetzt gerade aus dem Rennen, sie muss das erstmal verdauen, da sind viele Emotionen dabei. Und deswegen, ja, ich glaub mein Papa und ich waren zwar gut dabei, uns in die Haare zu raufen, aber dann auch wieder zu sagen: Ok, jetzt atmen wir durch, alles gut, wir haben uns lieb, das wissen wir.“


Franzi macht das Tempo (© Team DSM, Fotograf: Cor Vos)

Der innere Antrieb


Bei aller familiärer „Vorbelastung“ und den offensichtlich optimalen Startbedingungen, die Franziska Koch durch ihr nicht nur sachkundiges, sondern auch sehr liebevolles Elternhaus erfahren hat, legt sie doch auch immer wieder großen Wert darauf zu betonen, dass der eigentliche Antrieb zu ihrem Sport aus ihr selbst kam. Die weichenstellenden Entscheidungen, die zu ihrer Karriere als Radrennfahrerin führten, waren ihre eigenen. Auch die Motivation dazu zog sie aus sich selbst.


Was war das, was sie angetrieben hat? Wie in allen meinen Interviews hat mich diese Frage auch in den Gesprächen mit Franzi interessiert. Eine ziemlich direkte Antwort darauf bekomme ich, als ich von ihr wissen möchte, ob sie Vorbilder hatte. „Wer mich natürlich so’n bisschen inspiriert hat“, erzählt sie, „war Pauline Ferrand-Prévot, weil sie hat halt auch alles gemacht, Mountainbike gefahren, Cross gefahren, Rennrad. Aber ich würd‘ jetzt nie sagen, dass ich so ihren Weg verfolgt hab. Sondern“, kurze Pause, Lachen, „ja, ich glaub ich wollte einfach immer nur gewinnen.“


Auch auf mein Nachhaken, ob es ihrer Meinung nach eine Rolle gespielt hat, dass ihre Mutter ebenfalls Radrennfahrerin war, antwortet sie ähnlich: „Natürlich kriegt man so mit, ja, meine Mama fährt auch ganz viel Fahrrad, meine Eltern sind immer auf dem Fahrrad unterwegs, aber es war nie so, dass man mich dahin gepusht hat oder dass ich dem nacheifern wollte. Es war einfach, ich glaub‘, in mir selbst drin, ich wollte immer mehr.“


Eigentlich eine ziemlich naheliegende Antwort. Sport ist eben nicht nur Freude an der Bewegung oder am Draußensein, sondern auch die Lust am Kräftemessen. Daran, mit dem, was man kann, im Wettbewerb mit anderen zu stehen. Daran, im Idealfall als die Stärkere daraus hervorzugehen und sich durch solche Erfolgserlebnisse zu immer neuen Zielen anspornen zu lassen. Es ist die ideale Domäne für Ehrgeiz. Trotzdem ist Franzi die erste meiner Interviewpartnerinnen, die es so unumwunden ausspricht.


Jemand, der das ebenfalls und sehr vehement tut, ist der französische Radprofi und Philosoph Guillaume Martin. Er sieht diesen Drang nach „mehr“ als so zentral für den Sport an, dass er sich sogar in seiner Philosophie-Masterarbeit damit beschäftigt hat, einem sehr kreativen und witzigen Projekt, von dem er in seinem Buch Sokrates auf dem Rennrad. Eine Tour de France der Philosophen erzählt. Martin empfindet den Wettbewerbsinstinkt als eine Art animalischen Trieb, der die Athlet*innen antreibt, durch unermüdliche Arbeit immer wieder das Beste aus sich herauszuholen – und durchaus auch dafür sorgen kann, dass sie sich von den braven und verträglichen Dr. Jekylls, die sie normalerweise sind, im Rennen in kleine Mr. Hydes verwandeln (in dem Bericht über mein Gespräch mit Romy Kasper habe ich davon erzählt).


In der öffentlichen Wahrnehmung beobachtet er hingegen etwas wie Scham dafür, dass es im Sport (auch) um solche vermeintlich niederen Instinkte geht. Deshalb überfrachte man ihn oft mit allzu hehren Idealen. „Zusammengefasst scheint mir unser moderner Sport von einer gewissen Heuchelei durchzogen“, so Martin. „Hinter einer hübschen Werbefassade verbirgt man, was einen Sportler in Wirklichkeit antreibt und befeuert – seine Animalität und sein eigenes Verhältnis zur Anstrengung.“

Vor allem gegen einige der „olympischen“ Werte nach Pierre de Coubertin, aus denen die „Werbefassade“ seiner Meinung nach vor allem besteht, zieht er zu Gericht. „Als Sportler“, schreibt Martin, „bewege ich mich außerhalb dieser Ideologie des Fairplay, die zum Leitmotiv des modernen Sports geworden ist. Für mich, wie für alle Leistungssportler, die ich kenne, ist ‚dabei sein‘ in der Tat weniger wichtig, als zu gewinnen; und sollte es einmal vorkommen, dass ‚Einigkeit stark macht‘, so am Ende nur, um den Ehrgeiz des Einzelnen zu befriedigen.“


Eine radikale Sicht, für die er sich schließlich einen radikalen Gewährsmann gesucht hat: den Philosophen Friedrich Nietzsche. Mit ihm im Gepäck versucht er eine seinem Empfinden nach passendere Erzählung des modernen Leistungssports zu entwickeln, als diejenige von Altruismus und „Dabeisein“ es sei. Die tragenden Säulen, auf die er sie stellt, sind zwei nicht ganz unumstrittene Begriffe aus Nietzsches Werk Also sprach Zarathustra: der „Wille zur Macht“ und der „Übermensch“. Ersterer wird bei Martin zum Ausdruck für das „Mehrwollen“, also das Streben, sich in seiner Sportart immer weiterzuentwickeln und selbst zu übertreffen. Letzterer hingegen bezeichnet denjenigen, dem dies – durch natürliches Talent und unausgesetzte harte Arbeit an sich selbst – in besonderer Weise gelingt: den Champion.


Sokrates auf dem Rennrad ist übrigens keine theoretische Abhandlung. Vielmehr bindet Martin Berichte über seine Masterarbeit und seinen Werdegang in eine zum Niederknien skurrile Rahmenhandlung ein: Die berühmtesten Philosophen der Weltgeschichte finden sich im Juli in Frankreich ein, um in Nationalmannschaften zusammengeschlossen die Tour de France zu fahren. Nietzsche, dessen Zarathustra ein Symbol für radikalen Individualismus ist, taucht darin konsequenterweise als exzentrischer Kletterspezialist auf, der sich beim Auftakt einfach ins Fahrerfeld schmuggelt und nur aufgrund seiner erstaunlichen Leistung schließlich als Einzelstarter zugelassen wird (belegt mit drakonischen Strafen in Zeit und Schweizerfranken).


Dies ist allerdings auch der Punkt, an dem Martins Umwertung der olympischen Werte vielleicht ein wenig zu weit geht. Denn mit einem bringe ich seinen nietzscheanischen Athleten nicht in Einklang: mit dem Teamspirit, den ich bisher in jedem meiner Interviews als eines der Hauptcharakteristika des Straßenradsports herausgehört habe. Nach meinem Eindruck wird er durchaus als ein Wert für sich wahrgenommen und nicht nur als ein Feigenblatt, hinter dem man seinen (oder frau ihren) Killerinstinkt verbirgt.


Auch Franzi ist eine echte Teamplayerin. Eins meiner Lieblingsbilder der Tour de France war, wie sie sich nach der Zielankunft bei der drittletzten Etappe spontan schützend vor ihre Teamkollegin, die Ausnahme-Sprinterin Lorena Wiebes stellte. Diese war etwa zwanzig Kilometer vor dem Ziel gestürzt und nun, von Franzi eskortiert, blutend und mit zerfetztem Trikot angekommen. Als sofort die Kameras auf sie losstürmten, ging Franzi resolut dazwischen. „Das war wirklich wie so Geier!“, beschreibt sie mir die Situation. „Lorena ging‘s halt in dem Moment wirklich nicht gut, sie hatte auch mega die Schmerzen, und dann kamen die Leute so wie Geier, und ich dachte mir: Alter, seht ihr nicht, wie beschissen es ihr gerade geht? Lasst sie doch einfach mal in Ruhe! Das hab ich natürlich dann auch so gesagt…“


Auf meine Frage, was ihr persönliches Tour-Highlight gewesen sei, erzählt sie mir dann noch folgende Geschichte. Es war die fünfte Etappe. 175 Kilometer galt es zu absolvieren, eine ungewöhnlich lange Strecke, für die sich die Veranstalter sogar eine Sondergenehmigung hatten holen müssen: Normalerweise dürfen Frauenrennen nach UCI-Regularien nur bis zu 160 Kilometer lang sein. Früh im Rennen bildete sich eine Spitzengruppe. Weil aber das Profil der Strecke – sie war relativ flach – für einen Schlusssprint gemacht schien, war es die Aufgabe von DSM, den Abstand zur Gruppe zu kontrollieren. Das heißt, die Fahrerinnen durften keinen zu großen Vorsprung herausfahren, damit sie gegen Ende der Etappe noch einholbar sein würden. Die Aufgabe von DSM war dies deshalb, weil Franzis Team mit Lorena Wiebes die Favoritin auf den Tagessieg in ihren Reihen hatte. Die anderen Teams konnten sich also darauf zurückziehen und sagen: Ihr wollt im Schlusssprint glänzen – dann fahrt jetzt auch mal und arbeitet dafür.


Also spannte Franzi sich vor das Peloton. Und blieb dort. Sie hat an diesem Tag fast die komplette Nachführarbeit geleistet, wofür sie später in den sozialen Medien regelrecht gefeiert wurde. Aber nicht nur dort, auch im Peloton selbst. Dies habe sie zum Beispiel gemerkt, wenn sie nach einer Sprintwertung kurzzeitig etwas abgefallen war. „Wenn man die ganze Zeit vorne am Feld fährt und die ganze Zeit das gleiche harte Tempo, dann kann man irgendwann nicht mehr so schnell antreten, und dann fällt man ein bisschen zurück, wenn Teams sich einreihen, um den Sprint vorzubereiten. Und ich weiß noch z.B., dann hat mir eine Fahrerin von nem anderen Team gesagt: ‚Hey komm, ich fahr dich wieder nach vorne!‘, weil ja jeder wusste: Ich muss fahren, ich muss das Tempo hochhalten. Und dann hat sie gesagt so: ‚Komm, komm an mein Hinterrad, ich bring dich wieder nach vorne.‘ Oder dann hab ich ab und zu so kleine Anstupser bekommen, wenn ich zurückgefallen war, also dass mich Leute kurz angeschoben und mich dann nochmal so in die Lücke reingeschoben haben, um mir ein bisschen zu helfen. Und einfach dieser Respekt anderer Fahrer von anderen Teams, da wurde mir wirklich warm ums Herz, weil ich dachte so: Wow, also man ackert echt viel für die Teamkollegin, aber auch andere Teams sehen’s, oder andere Fahrer sehen’s und schätzen es wert, was man macht.“


Sogar von einer der ganz Großen sollte es Anerkennung geben. Im Ziel sei Marianne Vos (Jumbo Visma) bei ihr vorbeigekommen und habe ihr auf die Schulter geklopft. Vor allem aber konnte Franzis Teamkollegin Lorena Wiebes am Schluss tatsächlich den Sprint für sich entscheiden. „Als ich dann durchs Ziel gefahren bin bei der Etappe“, beschreibt Franzi den Moment, „und ich über Funk gehört hab: Lorena hat’s geschafft, Lorena hat gewonnen, das war schon ein sehr schönes Gefühl, und ich weiß nicht, warum, aber da kamen mir schon so ‘n bisschen die Tränen in die Augen, weil ich mir einfach dachte: Diese verdammt harten, ich weiß nicht, hundertvierzig Kilometer vorne haben sich ausgezahlt.“


Es gibt eine offenbar mittlerweile auch empirisch recht gut gestützte Motivationstheorie, die vor allem durch ihre Einfachheit besticht. Sie trägt den Namen Selbstbestimmungstheorie („self-determination theory“) und wurde von den beiden Psychologen Richard M. Ryan und Edward L. Deci entwickelt. Demnach sind Menschen dann besonders motiviert, wenn sie in ihrem Tun drei psychologische Grundbedürfnisse befriedigen können. Das erste ist das namensgebende: Menschen empfinden es als beflügelnd, selbst über ihr Tun zu entscheiden, also autonom zu sein. Einer Sache, die wir uns aus freien Stücken ausgesucht haben, so wie Franzi das Radfahren, widmen wir uns deutlich lieber als einer Tätigkeit, die uns jemand vorgibt oder zu der uns jemand drängt. Das zweite ist, wenn man so will, der nietzscheanische Aspekt: Menschen empfinden es als lustvoll, sich kompetent zu erleben und werden dadurch beflügelt, in dieser Sache immer weiterzugehen. Das dritte Bedürfnis ist nun der Teamspirit. Menschen genießen das Gefühl, durch ihr Tun sozial integriert zu sein. Das ist es, was für mich aus Franzis Erzählung ihres großen Tages bei der Tour de France Femmes spricht. Sie ist nicht nur stark gefahren, sondern sie konnte sich durch ihre Kompetenz auch als Teil eines Ganzen sehen. Im Team dadurch, dass sie maßgeblich an Lorenas Sieg mitgewirkt hat – und im Peloton durch den Respekt, den sie sich an diesem Tag erwerben konnte. Deshalb schließen sich nietzscheanisches Streben und Altruismus möglicherweise auch nicht unbedingt aus. Wenn es vorkommt, dass Einigkeit stark macht, dann auch um den Ehrgeiz des Einzelnen zu befriedigen. Aber eben nicht nur.


Karrierestepps


Franzis Kontakt zu Sunweb/DSM nahm übrigens mit dem Tipp einer Kollegin seinen Ausgang. Das Team ist an sie herangetreten, weil Liane Lippert sie dort ins Gespräch gebracht hatte. „Die Teams haben ja immer offene Augen“, erzählt Franzi, „aber vor allem so national bei jungen Fahrerinnen, da ist für sie das Potential halt echt schwer einzuschätzen. Aber in Deutschland gib’s ja die Bundesliga, da hatte Liane mich gesehen und ich hab sie wohl überzeugt.“ Sie nahm dann an einem zweitägigen Auswahlverfahren teil, das schließlich zu ihrem ersten Vertrag führte.


Nach dem Abitur begann auch Franzi zunächst ein Studium. Erst an der Fernuni Hagen, um es besser mit der Reiserei verbinden zu können, die das Profidasein von ihr forderte. Während der Corona-Zeit versuchte sie dann auch an der Sporthochschule in Köln einzusteigen. Mittlerweile hat sie sich aber gegen das parallele Studium entschieden. „Ich glaub man muss halt wirklich hundertprozentig dahinterstehen, was ich nicht gemacht hab. Man ist nur einmal jung und in den besten Sportlerjahren, deshalb dachte ich mir dann: Ok, ich kann das auch später noch studieren.“ Klar sei es einerseits schön, schon mal einen Abschluss in der Tasche zu haben, als Absicherung. „Aber auf der anderen Seite entwickelt sich der Radsport ja auch im Moment so, dass man sich so denkt: Ok, wenn ich wirklich gut Rad fahre, dann hab ich sozusagen meine Absicherung. Also kurzfristig natürlich, man kann dann nicht in Rente gehen davon, aber man kann dann trotz alledem vielleicht anfangen zu studieren und über die Jahre, die man studiert, auch gut über die Runden kommen.“

Damit ist Franzi ein perfektes Beispiel dafür, wie die Professionalisierung im Frauenradsport der jüngsten Vergangenheit bereits die Lebenswege der Fahrerinnen beeinflusst. „Also als ich meinen Vertrag unterschrieben hab“, erzählt sie, „als 18-Jährige – ich bin für ein Taschengeld gefahren. Ich war zwar Profi, aber es kam kaum Geld dabei rum. Und dann schon in meinem zweiten Jahr – also ich hatte eigentlich für zwei Jahre bei 300 Euro unterschrieben – hab ich dann Mindestgehalt bekommen wegen der UCI. Von daher, das war ein gutes Upgrade!“ Bei der Einführung betrug das Mindestgehalt für vollangestellte Fahrerinnen 15.000 Euro im Jahr und wurde dann schrittweise erhöht, mit dem Ziel, zur nächsten Saison bei etwas über 32.000 Euro angelangt zu sein. Das entspräche dem Mindestgehalt in einem Pro Team (also einem Team der zweiten Kategorie) bei den Männern. Festgehalten ist dies in den UCI Cycling Regulations (Part II: Road Races) unter Paragraph 2.13.177. Den dort jeweils separat veröffentlichten Neuerungen für die nahe Zukunft ist zu entnehmen, dass ab der kommenden Saison zudem eine Gehaltsabstufung zwischen Jungprofis und erfahreneren Athletinnen geplant ist.


Seit etwa eineinhalb Jahren ist Franziska Koch auch in einer Agentur, die es übernimmt, für sie die Verträge auszuhandeln. Bisher war dies im Frauenradsport eher selten, aber seit auch dort mehr Geld in die Hand genommen wird, steigt der Bedarf. Die Agentur, für die Franzi sich entschieden hat, ist sogar derzeit dabei, eine eigene Frauensparte aufzubauen. Es ist wie bei uns Autor*innen: „Manager können dir viel mehr raushandeln, weil das ist deren Job, Verhandlungen zu führen. Wir als Fahrerinnen, wir haben ja keinen Hintergrund unbedingt, wie verhandelt man, und auch zum Beispiel: Wieviel verdienen überhaupt andere?“ Außerdem entlaste es sie, sich im Team auf die Gespräche über ihre sportliche Entwicklung fokussieren zu können.


Über diese, die sportliche Entwicklung, habe ich natürlich auch mit ihr gesprochen. Mit ihren zweiundzwanzig Jahren blickt sie nun schon auf vier Profijahre zurück, im Frauenradsport keine untypische Bilanz. Denn, wie schon in meinem Bericht über Linda Riedmann erwähnt, bei den Frauen steckt die U23-Klasse noch in den Kinderschuhen. Die Athletinnen mussten bisher in der Regel ohne Übergang direkt aus der Juniorinnenklasse ins kalte Wasser der Eliteklasse springen – ein riesiger Leistungsunterschied. Weil es aber die normale Situation ist, sind gute Teams darauf eingestellt. Deshalb interessierte mich in den Gesprächen mit Franziska Koch besonders, was eigentlich die Stationen sind, die man als junge Fahrerin im Profiteam durchläuft.


Typischerweise leisten die Neuzugänge aus der Juniorinnenklasse zunächst Helferinnendienste zu Beginn des Rennens. Early support wird dies genannt. „Also am Anfang zum Beispiel ist es auch gar nicht so wichtig, dass du das Rennen zu Ende fährst“, erklärt Franzi mir. „Wenn du jetzt ein 150-Kilometer-Rennen hast, aber dein Job ist fertig nach achtzig Kilometern, dann erwartet niemand, dass du dann immer noch hinten dabei bist.“ So wird den jungen Fahrerinnen die Möglichkeit gegeben, sich an die härteren und längeren Rennen in der Profiklasse zu gewöhnen. Wenn sie dann die ausreichende Stärke aufgebaut haben, bekommen sie auch Aufgaben, die sie näher ans Finale führen. „Dann heißt es: Ok, jetzt chillst du am Anfang die ersten achtzig Kilometer, und dann bist du für das Positioning zuständig. Man fährt dann im Wind, dass alle anderen hinter dir in ner guten Position sind, aber ohne Energie zu verwenden. Ich würd sagen, so kann man sich vorarbeiten.“


Welche Taktik ein Team im Rennen verfolgt, hängt von vielen Faktoren ab. Dem Profil der Strecke, den Fahrerinnentypen, die zur Verfügung stehen, der vermuteten Strategie der wichtigsten Konkurrenten. Weil aber ein Rennverlauf nie vorhersehbar ist, muss auch immer wieder reagiert und auf einen anderen Plan ausgewichen werden. So können auch offene taktische Situationen entstehen. Je näher man mit seinen Aufgaben am Finale ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass man noch Reserven hat, um die Gunst der Stunde zu ergreifen. „Manchmal hat man dann die Chance“, erklärt Franzi. „Zum Beispiel ist man zu zweit oder zu dritt in ner kleinen Gruppe und kann abwechselnd attackieren. Vielleicht hat man dann selber das Glück und kommt weg. Vielleicht die Teamkollegin, aber vielleicht auch man selber.“


Trotzdem sieht sie auch Bedarf, die U23 bei den Frauen mehr auszubauen. Denn viele, die den Sprung nicht schaffen, hätten vielleicht einfach noch ein bisschen mehr Zeit gebraucht. „Bei den Männern ist es sozusagen: Du hast die U23 noch, um dich zu entwickeln. Manche entwickeln sich nicht so schnell in den Junioren, die sind zwar talentiert, aber da fehlt halt einfach noch die Erfahrung von großen Rennen, und die können sie dann bei der U23 mehr spielerisch aufarbeiten. Und bei uns, ja, entweder man hat ein gutes Team und kriegt auch gute Rennen, oder man fällt halt unten durch.“


Die bei der WM in diesem Jahr neu eingeführte weibliche U23 war übrigens lediglich eine separate Wertung ohne eigenes Rennen, eine Lösung, von der Franzi mir schon Anfang der Saison sagte, dass die meisten Fahrerinnen sie eher kritisch sehen. Was im Einzelzeitfahren noch gehen mag, führt spätestens im Straßenrennen zu Problemen. Dort nämlich sind die U23-Fahrerinnen in die Teamtaktik für das Eliterennen eingebunden. „Das heißt sozusagen: man hat zwei Ziele in einem Team“, meint Franzi. „Und das funktioniert halt nicht.“ Letztlich hat es für das deutsche Team insofern funktioniert, als dass Franzis Kollegin Ricarda Bauernfeind sowohl im Einzelzeitfahren als auch im Straßenrennen jeweils die Bronzemedaille in der U23-Wertung abstauben konnte. Dies hat ihr immerhin mehr Aufmerksamkeit eingebracht, als wenn sie einfach als Zwanzigste im Eliterennen über den Zielstrich gefahren wäre (so phantastisch auch diese Platzierung ist!). Fairer, vor allem gegenüber anderen guten U23-Fahrerinnen, die aufgrund der begrenzten Kaderplätze für die Eliterennen überhaupt gar nicht mitreisen konnten zur WM, ist selbstverständlich das eigene Rennen.


Ganz abgesehen davon, dass es für die Starterinnen auch sportlich attraktiver und motivierender ist. „Was für die U23 sprechen könnte“, so nämlich Franzis schlagendes Argument, „ist, dass man dort auch immer noch weiter lernt zu gewinnen. Weil das ist natürlich dann die Gefahr, dass man diesen Ehrgeiz zum Sieg verliert, weil man zu fokussiert ist auf die kleinen Aufgaben, die man bekommt, und gar nicht mehr weiß: Ok, wie verhalte ich mich denn jetzt im Finale, wenn man wirklich die Chance bekommt, selber zu fahren. Aber ich würd sagen, in nem guten Team – also ich kann ja jetzt nur von DSM, also Sunweb/DSM sprechen – wird schon drauf geachtet, auch immer die Fahrer trotz alledem noch zu challengen. Nicht mehr, als sie können, aber immer so ‘n kleinen Anstoß zu geben.“


Umgang mit Rückschlägen


Als ich Franzi im Februar gesprochen habe, war sie voller Hoffnung auf die Saison. Im Hinblick auf die immer verantwortungsvolleren Aufgaben, die sie im Team übernehmen konnte, hat sich diese auch durchaus erfüllt. So konnte sie sich beispielsweise beim Giro d’Italia als Anfahrerin für die Sprinterin Charlotte Kool versuchen. „Normalerweise bin ich immer diejenige, die sozusagen als erstes vor dem Feld fährt und erstmal ne Lücke kontrolliert.“ So wie sie es auf der „Marathonetappe“ bei der Tour de France Femmes getan hatte. „Aber dadurch, dass wir jetzt nicht den Hauptfavoriten im Feld mit dabeihatten als Sprinterin“ – Lorena Wiebes stand für den Giro nicht im Aufgebot – „war es nicht unsere Aufgabe, die Leute zurückzuholen, wenn eine Spitzengruppe gegangen ist. Dann konnt ich sozusagen mal die vorletzte oder auch mal teilweise die letzte Person im Leadout sein, direkt vor unserer Sprinterin.“

Ein ungeplantes Highlight. Bei der Tour de France Femmes hat Franziska Koch eine erkrankte Teamkollegin vertreten. (© Team DSM, Fotograf: Cor Vos)

Wenn ein Rennen auf ein Sprintfinale hinausläuft, nimmt das Feld schon mehrere Kilometer vor dem Ziel immer mehr an Tempo auf. Die Teams bilden Sprintzüge, das heißt, sie reihen sich hintereinander auf, die Sprinterin an letzter Position. Nach und nach scheren die Fahrerinnen an der Spitze zur Seite aus, wenn sie ihren Teil geleistet haben, bis nur noch die eigentliche Anfahrerin übrigbleibt. „Das ist dann nochmal ein bisschen was anderes, als wenn man fünf Kilometer vor dem Ziel eigentlich schon seinen Job gemacht hat. Dann muss man gucken: Wie bewegt man sich durchs Feld und wie positioniere ich meinen Sprinter. Und das war für mich auch neu und hat mega viel Spaß gemacht.“


In anderer Hinsicht hatte Franzi aber auch einen ziemlichen Rückschlag zu verkraften. Spätestens seit ihrem siebten Platz bei der Erstausgabe von Paris-Roubaix im September 2021 galt sie als Klassikerfahrerin, also als Spezialistin für schwere Eintagesrennen, die üblicherweise im Frühjahr ausgetragen werden. Auch sie selbst hat sich so gesehen. Als ich sie im Februar nach ihren Highlights in der bevorstehenden Saison fragte, war die Antwort klar: „Flandern-Rundfahrt auf jeden Fall, und Paris-Roubaix. Das sind so die Rennen, auf die ich mich richtig freu. Aber natürlich auch der erste, Nieuwsblad [Anm.: Omloop Het Nieuwsblad, ein Rennen in Belgien]. Das ist das Opening Weekend, also es ist der erste Frühjahrsklassiker. Den bin ich 2020 zum ersten Mal gefahren, war auch mein erster richtiger Klassiker, und der war gut! Von daher hab ich gute Erinnerungen daran.“


Es blieb leider das einzige der von ihr genannten Rennen, bei denen sie in diesem Frühjahr tatsächlich starten konnte. Denn kurz darauf war sie in dem belgischen Rennen Nokere Koerse in einen Sturz verwickelt, bei dem sie sich die Hand brach. Viereinhalb Wochen vor Paris-Roubaix. Anfangs habe sie noch die Hoffnung aufrechterhalten, rechtzeitig wieder zu genesen. „Dann denkst du dir natürlich: es ist nur die fucking Hand, was ich brauche zum Radfahren sind meine Beine. Also easy, schaff ich noch!“ Zu allem Überfluss gesellte sich aber auch noch in einer der Schürfwunden, die sie sich außerdem zugezogen hatte, eine Infektion hinzu. „Das hat dann schon seine Zeit gekostet. Direkt nach dem Handbruch hab ich zwei Tage Pause gemacht, aber dann bin ich viel auf der Rolle gefahren. Ich bin vier Stunden auf der Rolle gefahren! Ich hasse Rolle fahren! Aber, wie gesagt: Ich war in top Shape, also ich hatte ne richtig gute Form, und dann war’s so: Ich will diese Form auf keinen Fall verlieren. Aber ja, der Körper nimmt sich, was er braucht, und hat mir dann einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein normales Rennen hätte ich vielleicht auch fahren können. Aber Paris-Roubaix, mit dem Kopfsteinpflaster – das tut schon mit heilen Knochen weh!“


Die Rennen, auf die sie sich den ganzen Winter vorbereitet hatte und bei denen sie sich erhofft hatte, dass da vielleicht sogar „mal ein Ergebnis bei rauskommt“, waren somit gelaufen. „In der Zeit war ich dann – ich will nicht sagen ‚motivationslos‘, aber ich wusste nicht: Was sind jetzt eigentlich meine Ziele? Worauf kann ich mich jetzt noch freuen? Worauf kann ich mich jetzt noch vorbereiten, sozusagen? Ich hatte nicht diesen Weitblick, dass nach den Frühjahrsklassikern ja noch was kommt. Dass ich mich in diese Schachtel gelegt habe, hat mir halt so’n kleines Loch gegraben in dem Moment, weil ich dachte so: Die einzigen Rennen, in denen ich vielleicht gut bin, sind jetzt vorbei, und was mach ich den Rest des Jahres? Doch natürlich kann ich auch andere Rennen gut fahren. Ich bin ja jetzt nicht nur auf Kopfsteinpflaster gut. Nur das musst ich halt dann auch erstmal lernen.“


Die Strategie lautete also: den Blick weiten und über Vorurteile hinausdenken. Denn die fällen nicht nur andere über einen, sondern vor allem auch man selbst. „Meine Eltern haben immer versucht mir zu vermitteln: Nicht nur bei den Rennen, wo du glaubst, du bist gut, du kannst bei jedem Rennen gut sein. Wenn ich sag so: Oh ja, es regnet, dann wird’s bestimmt ein gutes Rennen für mich!“ – Franzi gehört nämlich zu den Fahrer*innen, die gern bei Regen Rennen starten, auch da ist sie ganz Klassikerspezialistin – „Dann sagten sie: Hey, selbst wenn die Sonne scheint kannst du’n gutes Rennen fahren. Das musste ich dann jetzt nochmal verinnerlichen.“


Auch eine Distanz zu allzu emotionalen Sichtweisen zu finden, gehört für sie zu diesem Prozess dazu. Dies erzählte sie mir am Beispiel des bitteren Endes, das die Tour de France Femmes für sie auf der vorletzten Etappe von Sélestat nach Le Markstein nahm. Es war der Tag, an dem Annemiek van Fleuten alle Erwartungen sprengte und wie entfesselt über die drei schweren Bergwertungen flog, die es zu nehmen gab. Franzi sagt, ihr sei von vornherein klar gewesen, dass es knapp werden würde. Nach ihrer überragenden Leistung auf der „Marathonetappe“ und einem weiteren Tag in einer Fluchtgruppe hatte sie der Anstrengung nun Tribut zu zollen. Außerdem musste sie unterwegs feststellen, dass in der Schlussgruppe (dem Gruppetto, wie man im Radsport sagt) keine effiziente Zusammenarbeit zu organisieren war. Am Ende war es eine Sache von wenigen Sekunden, die ihr fehlten. „Ich musste einfach direkt anfangen zu weinen, als mein Physio mir gesagt hat, mein Soigneur: fünf Sekunden zu langsam“, erzählt sie. „Da ist schon ne kleine Welt für mich zusammengebrochen. Aber ja, wie ich auch gesagt hab: Ich hatte nach der Tour dann mit meinem Trainer darüber gesprochen und ihm war es wichtig, das ganze Bild anzuschauen, und nicht nur das Ereignis. Weil was du direkt siehst ist: Du hast versagt. Du bist zu schlecht, du hast es nicht geschafft. Aber wenn du dann halt das ganze Bild anguckst, dann weißt du, was du davor gemacht hast, und es ist immer ein Faktor von ganz vielen Sachen.“


Vielleicht hat ihr dabei auch eine Gabe geholfen, die ziemlich auffällig ist bei Franzi, so dass ich sie an dieser Stelle noch erwähnen muss. Sie hat einen feinen Blick für die schönen Dinge der Welt – und hält diese auch gern mit der Kamera fest. Wer ihr bei Instagram folgt, kann immer wieder besondere Aus- und Ansichten entdecken, Spieglungen, Stimmungen, Details am Straßenrand. Vor allem aber ist sie in Kennerkreisen für ihre Sonnenuntergänge bekannt. Auch am Abend nach ihrem kleinen Drama in Le Markstein gab es einen zu sehen. Anders als die meisten Aufnahmen hatte dieser eine Beschriftung:

„My reason why I love sunsets is that it doesn’t matter how shit the day was, it can at least end in a good way.“

Wie es für Franzi nun im nächsten Jahr weitergeht, empfinde ich als im positiven Sinne offen. In ihrem Team gibt es viel Bewegung: Liane Lippert etwa wechselt – nach sechs Jahren bei DSM – in das spanische Team Movistar. Auch Lorena Wiebes verlässt die Mannschaft, dafür kommen viele junge Fahrerinnen nach. Es wird sich also einiges ändern, Aufgaben werden sich umverteilen, neue Möglichkeiten entstehen. Vielleicht wird also bald mal wieder eine Zeit der Ernte auch für den persönlichen Ehrgeiz anbrechen. Franzi sagt allerdings, sie denke noch nicht viel an nächstes Jahr. Zur Zeit unseres Gespräches war nicht einmal sicher, welche Rennen sie im September noch fahren würde. Sogar dass sie tatsächlich für die WM in Australien nominiert werden sollte (18. – 25. September), wusste sie noch nicht. Mit ihrem Trainer hatte sie sich deshalb den Plan B zurechtgelegt, eventuell für den Spaß und um in Bewegung zu bleiben ein paar Mountainbike-Rennen einzubauen, sollte es kein großes Highlight zum Saisonende mehr geben. „Man muss immer flexibel sein“, sagt sie, und es klingt auch wie ein Fazit zu den turbulenten Monaten, die hinter ihr liegen. „Ich würd sagen, das ist sehr wichtig, Flexibilität, weil wie gesagt: Dann muss man mal einspringen für jemanden, oder dann kann man ein Rennen nicht fahren wegen ner Verletzung, und wenn man dann nicht flexibel genug ist, um zu sagen: Ok, ich akzeptier das jetzt, sondern ich heule dem Rennen hinterher oder ich ärger mich jetzt die ganze Zeit, dass ich dieses Rennen fahren muss, obwohl ich jetzt gerade eigentlich ein Trainingslager geplant hatte, dann hilft einem das ja auch nicht. Deshalb: Gute Ziele sind schon wichtig, aber man sollte sich auch nicht zu sehr versteifen darauf.“ Im Rennen wie im Leben. Es kann eben immer alles auch ganz anders kommen.



© Sarah Finke, 3. Oktober 2022.

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