• sfinke7

Die Tour rollt

So lautete für mich das Motto der vergangenen Woche. Im Zuge meiner Roman-Recherchen habe ich mich in diesem Jahr einmal intensiver mit Deutschlands einzigem international bedeutsamen Etappenrennen für Frauen beschäftigt: Der Thüringen Ladies Tour (24.–29. Mai 2022). Beim Auftakt in Hof war ich live an der Strecke mit dabei, die restlichen Etappen verfolgte ich unter anderem in den wunderschön gestalteten Übertragungen im mdr, die es dieses Jahr erstmals gab. Je mehr ich in die Ereignisse der Tourwoche abtauchte, umso beeindruckter war ich. Dieses Rennen ist ein Juwel, das leider als Sportereignis von internationalem Rang hierzulande noch immer viel zu wenig im öffentlichen Bewusstsein präsent ist. Im folgenden Artikel erzähle ich von meinen Erlebnissen und Beobachtungen – sowie von einem kleinen persönlichen Kampf, den ich nebenbei auszufechten hatte.


Thüringen Ladies Tour 2022, Auftakt in Hof, deutsche Nationalmannschaft
Wenige Minuten vor dem Start. Die Fahrerinnen stellen sich für die Auftakt-Etappe in Hof auf. Im Hintergrund sieht man die Leinwand, auf der das komplette Rennen öffentlich übertragen wurde.

Als Hobbyathletin trete ich ab und zu bei Jedermensch-Wettkämpfen an. Ich mag die Atmosphäre dabei: Gut gelaunte, motivierte Leute kommen zusammen, um nach ihren individuellen Voraussetzungen ihr Bestes zu geben. Jeder kann starke Leistungen erbringen, egal ob nun beim Kampf um die Podiumsplätze oder an jeder beliebigen Stelle des Feldes beim Kampf gegen sich selbst. Vor allem die Minuten direkt vor dem Start haben es mir angetan. Eine Mischung aus Konzentration und fröhlicher Gelöstheit liegt in der Luft, die ich sonst nirgends erlebe. Meist kommt man noch mit irgendjemandem ins Gespräch, wünscht sich viel Erfolg mit Leuten, die man gar nicht kennt. Dann geht es in den Tunnel, vollen Fokus auf das, was man sich vorgenommen hat, auf die Strecke, das Geschehen um einen herum, die Signale, die der eigene Körper einem sendet. Von solchen Veranstaltungen weiß ich aber auch, was es ausmachen kann, Publikum zu haben, das einen anfeuert. Über eine Durststrecke geschrien und geklatscht zu werden, zu spüren, wie dies tatsächlich nochmal letzte Kraftreserven aktiviert, ist ein Gefühl, das seinesgleichen sucht. Und man kann es einander so leicht bescheren!


Ein Elite-Radrennen habe ich trotzdem noch nie live miterlebt. Schon mit der Ankündigung im Februar, dass die 34. Auflage der Ladies Tour im fränkischen Hof starten würde, also gar nicht weit von meiner Würzburger Wahlheimat, ist mir klar: Eine günstigere Gelegenheit, dies zu ändern, kann es kaum geben. Als das Rennen dann immer näher rückt und sich herausstellt, dass mit Linda Riedmann und Romy Kasper zwei meiner Interviewpartnerinnen mit von der Partie sein würden, ist ein Besuch im Grunde Pflicht. Wie immer, wenn ich etwas zum ersten Mal mache und nicht genau einschätzen kann, was auf mich zukommt, bin ich allerdings mehr als aufgeregt. Verkabelt, könnte man sagen. So wie die Athletinnen im Rennen, die über Funk mit der sportlichen Leitung und auch mit ihren Kolleginnen verbunden sind. Auf diese Weise können sie sich abstimmen, die Taktik nachjustieren, oder sich, wenn es gilt, alles, was sie haben, in die Pedale zu bringen, gegenseitig anfeuern. Der Unterschied ist, dass über meinen Tourfunk wenig Hilfreiches oder gar Motivierendes läuft.


Bühne frei


Das Hotel, das ich gebucht habe, liegt in der Innenstadt, sogar direkt an der Strecke. Es ist Montag, früher Nachmittag. Zum Maxplatz, wo um 17 Uhr die Teampräsentation stattfinden soll, kann ich durch die Saaleauen laufen. Viel Grün, viele alte Kastanienbäume, eine hübsche Fassade mit zwei Kirchen oberhalb einer Befestigung zum Fluss. Der Platz liegt parallel zur Ludwigstraße, die weiter oberhalb in die Flaniermeile übergeht. Oben wird er abgegrenzt von der Michaeliskirche. Kastanien auch hier, ein lauschiges Eckchen, wie die Stadt viele zu bieten hat. Am unteren Ende des Platzes ist eine Bühne aufgebaut, auf der freien Fläche davor stehen Bierzelttische. Rings herum verschiedene Stände. Bereits im Vorfeld war mir aufgefallen, dass die Veranstalter – genau genommen: die Veranstalterin, denn die Tourdirektorin ist eine Frau – viel Wert auf regionale Anbindung legen. Neben den sportlichen Daten zu jeder Etappe findet man auf der Website der Veranstaltung auch stets Informationen zu den Start- und Zielorten sowie zu Sehenswürdigkeiten der Gegend. Die Strecken kann man sich in Komoot laden. Folgerichtig bekommen nun rings um den Platz regionale Tourismusverbände Gelegenheit, sich zu präsentieren. Auch die ortsansässigen Triathlon- und Radsportereine, der RC Pfleil Hof und der IfL Hof, sind vertreten.


Weil ich noch viel Zeit habe, schlendere ich auch schon einmal über die Ludwigstraße. Mein erster Eindruck: Hier geht es ordentlich rauf und runter. Direkt vor dem Rathaus ist der Start- und Zielbereich der ersten Etappe geplant. Viele Hinweise darauf, dass dort am nächsten Tag ein Radrennen starten wird, findet man auf den ersten Blick nicht. An den Seitenstraßen sind bereits Barken für die Absperrung deponiert, die nur noch aufgestellt werden müssen; auch an zwei Tiefladern mit Absperrgittern komme ich noch vorbei. Entlang der Hauptstraße stehen Halteverbotsschilder für den nächsten Tag. Vor dem Rathaus entdecke ich ein Werbeauto mit Ladies-Tour-Schriftzug. Dann komme ich zu einem Hotelparkplatz, der mir schon von Weitem verdächtig bunt entgegenleuchtet. BIKE EXCHANGE Jayco ist der erste Schriftzug, der mir ins Auge fällt. Ich habe also auf Anhieb das Teamfahrzeug des einzigen WorldTour Teams gefunden, also eines Teams der ersten Kategorie, das zum Rennen gemeldet ist. Mit der Australierin Alexandra Manly an der Spitze werden sie sich in den folgenden Tagen ihrer Favoritenrolle mehr als gerecht zeigen und die Tour dominieren. Als nächstes entdecke ich die Aufschrift Plantur Pura, ein belgisches Team, für das unter anderem die deutsche Athletin Laura Süßemilch gemeldet ist. Sie gehörte bei der WM 2021 zum so erfolgreichen Bahn-Vierer der Frauen. Die Ladies Tour wird sie allerdings vier Tage später aufgrund von gesundheitlichen Problemen aufgeben müssen. Auf der anderen Seite leuchten mir die auffälligen Farben von Le Col – Wahoo entgegen, einem britischen Team. Schließlich finde ich auch noch den Teamwagen von Ceratizit WMT, der Equipe von Lisa Brennauer, die das Rennen zum Wiedereinstieg nach einer längeren Corona-Pause nutzen wird.


Thüringen Ladies Tour 2022, Hof
Bunte Häuser, bunte Autos. Der Wagen mit dem hübschen grünen Farbverlauf gehört zum Team MAXX SOLAR Lindig; ganz vorn im Bild: Das italienische Team Top Girls Fassa Bortolo.

Insgesamt sind siebzehn Teams gemelde. Neben dem Team der Women’s WorldTour (WWT) elf Continental-Teams, also Mannschaften der zweiten Kategorie, und zwei deutsche Regionalteams. Außerdem stehen drei Nationalmannschaften am Start: aus Belgien, den Niederlanden und aus Deutschland. In einer Pressekonferenz vom 19. April 2022 (abrufbar bis 19.04.2023 in der Mediathek des mdr) erklärt die Tourdirektorin Vera Hohlfeld: „Bei den Frauen gibt’s ja die Besonderheit, das ist bei den Männern nicht so, dass die Profis und die Amateurfahrerinnen in einem Rennen fahren. Also außer bei den WorldTour-Rennen, wo nicht mal mehr Amateurfahrer starten dürfen, aber bei unserer Serie, Pro-Serie, dürfen zwei Teams starten, zwei regionale Teams. Das haben wir dann auch immer so gemacht. Wir haben das eine, das MAXX SOLAR Lindig Team, das im Rennen ist, und das Team Stuttgart. Und dann gibt’s noch Nationalmannschaften, da zählen auch oftmals Amateurfahrerinnen.“


Die Pro Series der UCI ist die zweithöchste internationale Rennkategorie. Aufgrund ihrer langen Tradition als Frauenrennen ist die Thüringen Ladies Tour dennoch stets auch gern von WorldTour-Teams gefahren worden. In diesem Jahr ist deren Rennkalender allerdings so dicht, dass dies nicht mehr möglich war. Erstmals gibt es sogar eine terminliche Überschneidung. Vom 27. bis zum 29 Mai findet der LondonRide statt, ein Etappenrennen der obersten Kategorie. Anders als im Männerradsport gibt es für die Teams der Women’s WorldTour laut Reglement zwar noch keine Verpflichtung, bei jedem WorldTour Rennen am Start zu stehen. Faktisch lässt das System in einem solchen Fall aber nur wenig Spielraum. DSM, Trek, Jumbo Visma, CANYON//SRAM Racing – alles Teams, die im vergangenen Jahr noch nach Thüringen gereist sind – werden nun in London am Start stehen. Franziska Brauße und Lisa Brennauer, Teil des siegreichen Bahn-Vierers in Tokio, setzen allerdings auf die Ladies Tour. In einem Interview mit dem Pressechef sagt Brennauer: „Die Thüringen-Rundfahrt ist momentan die einzige internationale Rundfahrt in Deutschland und hat natürlich schon deshalb für uns deutsche Fahrerinnen einen besonderen Wert. Darum habe ich mich auch zusammen mit meinem Team entschieden, wieder hier zu fahren und nicht beim zeitgleichen ‚Ride London‘. Ich möchte damit auch ein Zeichen setzen und die Thüringen-Rundfahrt unterstützen.“


Trotz dieser Treue der deutschen Stars findet Vera Hohlfeld, früher selbst aktive Radrennfahrerin, in der erwähnten Pressekonferenz eindringliche Worte für die Lage ihres Rennens. Im internationalen Vergleich habe in Deutschland der Radsport einen schweren Stand, insbesondere der Frauenradsport. „Gefühlt ist es so, dass – trotz Corona, also das ist für mich eigentlich eine Sache, die ich gar nicht versteh, aber es ist so – in Holland, in Belgien, in Italien, in Frankreich, in England, in all unseren Nachbarländern, die Radrennen in die Luft schießen, WorldTour ohne Ende, der Kalender ist voll von vorne bis hinten. Natürlich, viele große Rennen, internationale Rennen docken jetzt auch die Frauen an, was ein richtiger Weg ist, was ich natürlich auch gut finde, ich hätte es mir gewünscht, dass es zwanzig Jahre eher passiert wäre, dann hätte ich da auch noch ein bisschen was von haben können. Ich meine Paris Roubaix, Kopfsteinpflaster – war jetzt schon auch mein Ding. Einfach mal mitfahren! Aber egal. Die Entwicklung ist nicht verkehrt, die ist gut, inwieweit das jetzt tatsächlich so weitergeht die nächsten Jahre, das steht in den Sternen. Fakt ist: Wir müssen nachholen, wir müssen Gas geben. Und wenn wir das nicht schaffen, dann wird’s uns irgendwann nicht mehr geben. Aber wir kämpfen.“


Ich kehre zum Maxplatz zurück, der sich nun gefüllt hat. Romy, mit der ich einige Tage später kurz telefoniere, sagt mir, sie könne sich nicht daran erinnern, dass es bei der Tour schon einmal eine Teampräsentation am Vorabend des Rennens gegeben habe. Und sie ist zum dreizehnten Mal dabei. Nach einem festen Zeitplan werden alle Teams aufgerufen, ihre Fahrerinnen zumindest namentlich vorgestellt, einige von ihnen auch in Kurzinterviews. Wer von den Zuschauer*innen noch nicht so firm ist im Frauenradsport, kann sich hier auch noch einmal ausgiebig die Trikots und Schriftzüge einprägen, was die Mitverfolgung der Rennen mit ihren taktischen Finessen sehr erleichtert. Vor allem aber ist es als Radsportfan eine Gelegenheit, seine Idole ganz aus der Nähe zu erleben. Immer wieder höre ich, dass genau dies den besonderen Reiz des Straßenradsports ausmache. Er ereignet sich mitten in den Städten und auf ganz normalen Straßen, man ist nur durch ein Absperrgitter von den Athlet*innen getrennt, während der Rennen jenseits der Start-/Zielbereiche nicht einmal das. Wer nicht, wie ich, einen Knopf ans Ohr getapet hat, kann sich bei einer Gelegenheit wie dieser auch schnell ein Selfie oder Autogramm holen.


Als Moderator führt Dirk Lunk launig, aber leider mäßig vorbereitet und dadurch umterm Strich sehr langatmig durch das Programm. Er ist für mich das einzige, wirklich einzige Ärgernis bei der ansonsten so professionell wie liebevoll organisierten Veranstaltung. Da es sich um ein internationales Rennen handelt, hätte man durchaus damit rechnen können, dass sich die Namen der Starterinnen nicht alle flüssig vom Blatt lesen lassen. Ein wenig Übung und im Zweifelsfall Recherche der korrekten Aussprache hätten hier einen besseren Eindruck gemacht, als beim mühsamen Buchstabieren mit der eigenen Hilflosigkeit zu kokettieren. Ebenfalls wäre damit zu rechnen gewesen, dass nicht alle Starterinnen bei einem international besetzten Radrennen Deutsch sprechen. Es hätte sich also lohnen können, ein paar Fragen auf Englisch vorzubereiten, jedenfalls wenn man weiß, dass man sie ansonsten stammelnd und unbeholfen improvisieren muss. Ricarda Bauernfeind vom Team CANYON//SRAM Generation, die nach ihrer Top-Platzierung bei der Andalusien-Rundfahrt (dritte im Gesamtklassement) sehr aussichtsreich an den Start gehen würde, hätte man definitiv eine spannendere Frage gewünscht als diejenige, die ihr gestellt wurde (warum sie bloß so braun sei). Zumal sie und ihre malaysische Teamkollegin anschließend noch einen Hautfarbenvergleich über sich ergehen lassen mussten. Vor allem aber hätte man die besondere Geschichte ihres Teams an dieser Stelle noch einmal erzählen können. CANYON//SRAM Generation ist das Nachwuchsteam des deutschen WorldTeams CANYON//SRAM Racing und wurde im vergangenen Jahr mit der erklärten Zielsetzung gegründet, den Radsport diverser zu machen. Neben dem deutschen Nachwuchs sollen insbesondere Fahrerinnen aus Ländern gefördert werden, die bisher im Radsport unterrepräsentiert sind.


Thüringenb Ladies Tour, Teampräsentation, Hof, Maxplatz
Finde die Olympiasiegerin. Szene bei der Teampräsentation in Hof.

Die Stimmung auf dem Platz ist trotzdem gut. Während sie am Aufgang zur Bühne warten, machen die Fahrerinnen ihre Späße miteinander und parieren, wenn sie oben stehen, auch unpassende Fragen freundlich und geduldig. Bis hin zu den Stars wirken sie sehr offen und zugänglich. Lisa Brennauer joggt plötzlich aus dem abgetrennten Backstagebereich hervor und setzt sich für eine Weile an einen der Tische, bevor sie selbst auf die Bühne muss. Offenbar war für sie private Unterstützung angereist. Die Frauen von BIKE EXCHANGE Jayco warten auf der Terrasse einer angrenzenden Pizzeria auf ihren Einsatz. Und das niederländische Team Parkhotel Valkenburg, das am nächsten Tag eine gekonnte Attacke lancieren, sich überhaupt im Laufe der Woche sehr aktiv zeigen und mit Femke Gerritse die U23-Wertung für sich entscheiden wird, macht kurzerhand den freien Platz hinter der Bühne zur Garderobe. Zufällig sehe ich, wie sie zu Fuß einen der steilen Wege aus den Saaleauen hinaufkommen, und dann noch schnell ihr Zivil gegen ihre Trikots tauschen, bevor sie aufgerufen werden.


Nur in meinem Kopf beginnt langsam die rennentscheidende Phase, jedenfalls dem Konzert nach zu urteilen, das mittlerweile über meinen Tourfunk läuft. Während meiner Runden auf der Ludwigsstraße war ich über diesen Kanal schon als Industriespionin beschimpft worden, für welche „die Leute“ mich unweigerlich halten müssten (ich verrate nicht, wann das war, nur, dass es mit dem Fotografieren bunter Autos zusammenhing). Über solche Absurditäten kann ich zum Glück noch an Ort und Stelle lachen. Jetzt werden die Pöbeleien allerdings perfider, und die Dauerbeschallung im Ohr macht mich zunehmend mürbe. Du verhältst dich unmöglich, du stehst hier rum wie bestellt und nicht abgeholt, kannst du nicht mal aufpassen? Da sind Fotografen, falls du’s noch nicht bemerkt hast, die wollen ihre Arbeit machen, geh gefälligst aus dem Weg. Nein! Nicht dorthin, jetzt versperrst du der Gruppe am Vereinsstand die Sicht. Und tja, das ist jetzt der Bundestrainer André Korff, vor dessen Nase du dich platziert hast.

Für 18 Uhr ist die deutsche Nationalmannschaft angekündigt. Bist du wahnsinnig? Du kannst doch nicht einfach hinterrücks ein Foto von Lisa Brennauer machen! Romy und Linda zu sehen freut mich sehr, ich hatte sie ja jeweils nur am Bildschirm kennen gelernt. Romy scheint voll in ihrem Element. Sie hat offenbar die Gruppe, die außer ihr nur aus sehr jungen Nachwuchsfahrerinnen besteht, ein wenig unter ihre Fittiche genommen. Vor den Kameras und auf der Bühne hat sie ihren ganz eigenen Charme. Linda ist mit ihrem gerade einen Tag alten Sieg beim Bundesliga-Auftakt in ihrem Heimatsort Karbach heute Abend ein gefragter Star.


Unauffällig habe ich mich immer mehr den Absperrgittern genähert, mit denen die Bühnenaufgänge vom Platz abgegrenzt sind. Hier werden die beiden gleich entlanggehen, wenn sie die Bühne verlassen. Im Teamwagen bleibt mein Manöver leider nicht unbemerkt. Was hast du denn jetzt vor? Du willst sie doch nicht ernsthaft dort abpassen? Deinen Wunsch, dich ihnen live vorzustellen, in allen Ehren, aber die zwei haben gerade echt Besseres zu tun. Das Team posiert noch einmal für einige Fotografen, die dieselbe Idee hatten wie ich. Aber ich könnte mich trotzdem hinstellen, gleich werden sie fertig sein und sicher kurz Zeit haben. Na wenn du dich unbedingt als die aufdringliche Trulla empfehlen willst, die auch unbedingt noch zum Zuge kommen musste, bitte. Ich erwäge, in einem der Risse im Asphalt zu versickern, der den Platz bedeckt. Das Team verschwindet hinter der Bühne.


Als die Veranstaltung vorbei ist, verschwinde auch ich schleunigst und finde ein Restaurant mit Terrasse in einer kleinen Seitenstraße. Kastanien streuen ihre roten Blüten auf die Tische, unter den Zweigen und zwischen den Häusern wird es bald schon dunkel. Zur Ruhe komme ich trotzdem nicht, jetzt muss ich noch die Manöverkritik über mich hinwegbrausen lassen und mich für mein Versagen rechtfertigen. Wenn du ein Teenager wärest, okay. Aber du bist eine erwachsene Frau. Weißt du eigentlich, was andere in deinem Alter schon alles erreicht und geleistet haben? Als ich im Hotelbett liege, fühlt mein Kopf sich an, als hätte ich wirklich stundenlang Kopfhörer mit irgendetwas viel zu laut Aufgedrehtem darauf getragen. Schüchternheit ist physisch anstrengend. Und niederschmetternd überflüssig. „Hättest dich einfach bemerkbar machen können“, schreibt Romy mir zurück, als ich ihr am nächsten Morgen viel Erfolg für das Rennen wünsche. Was soll ich sagen? Recht hat sie …


Start


Thüringen Ladies Tour 2022, Deutsche Nationalmannschaft, Linda Riedmann, Romy Kasper
Die deutsche Nationalmannschaft schreibt sich für das Rennen ein.

Im Frühstückssaal des Hotels fällt mir eine Gruppe auf, fünf, sechs Männer und eine Frau. Gesprächsfetzen, die ich aufschnappe, drehen sich um Motorräder und Kamera und Streckenbriefings. An der Rezeption treffe ich einen der Männer wieder und spreche ihn an. Mein Eindruck war richtig: Er gehört zur Crew, die für das TV-Bild zuständig ist. Erstmals seit ihrem Bestehen wird die Thüringen Ladies Tour dieses Jahr täglich für mindestens eine Dreiviertelstunde im Fernsehen übertragen; außerdem gibt es Livestreams bei GCN und Vimeo. Damit ist nicht nur ein großer Schritt in Sachen Sichtbarkeit der Veranstaltung getan, sondern möglicherweise auch ein kleiner in Richtung eines Aufstiegs in die Women’s WorldTour. Denn die fehlenden TV-Bilder waren vermutlich der Hauptgrund, aus dem die Ladies Tour bisher nicht für eine Lizenz der obersten Kategorie in Frage kam. Felix Mattis schreibt dazu bei radsport-news: „Schon seit Einführung der Women‘s WorldTour im Jahr 2016 warf sich jedes Jahr die Frage auf, ob und wann Thüringen zur ersten Liga gehört. Das Starterfeld passte stets, die Organisation war immer gut. Doch TV-Bilder fehlten dem Radsport-Weltverband UCI – anfangs brauchte es für die WorldTour-Lizenz Highlights, seit zwei Jahren nun fordert das Reglement eine Live-Produktion von 90 Minuten.“ Nachdem nun in dieser Hinsicht ein Anfang gemacht ist, könne theoretisch der Aufstieg wieder ein Thema werden. „Praktisch aber muss man nun erstmal einen Platz im Kalender finden, der nicht mit anderen Rennen kollidiert.“


Gegen elf Uhr am Vormittag laufe ich in die Innenstadt. Der erste Eindruck, der mich empfängt, ist Ruhe. Die Einkaufsmeile ist bereits für den Verkehr gesperrt, nur noch Fahrzeuge, die zur Veranstaltung gehören und mit Nummer und Aufschrift gekennzeichnet sind, halten sich noch innerhalb dieses Bereichs auf. Nach und nach formiert sich der Tross: Sprecher, Jury, neutrale Materialwagen, Tourarzt. Schließlich gesellt sich auch die Polizei mit Streifenwagen und Motorrädern dazu. Vor dem Rathaus, wo ich am Tag zuvor das blaue Ladies-Tour-Auto entdeckt hatte, sind jetzt die Übertragungswagen aufgebaut. Tatsächlich sehe ich auch den Herrn aus dem Frühstücksraum dort noch einmal wieder. Er scheint gerade nicht beschäftigt zu sein. Ob ich ihn noch einmal anspreche? Meine unsportliche Leitung lacht laut auf. Obwohl ich mich an diesem Tag robuster fühle und mehr Energie zur Auflehnung gegen den Terror im Ohr habe, füge ich mich für den Moment und schlendere weiter.


Auf der Bühne, die nun zur Straße umgezogen ist, werden gerade die Wertungstrikots drapiert. Neben dem gelben Trikot für die Gesamtwertung gibt es eine Sprintwertung (pink), eine Bergwertung (mintgrün), eine U23-Wertung (rot), und dann für jede Etappe (also ohne übergreifendes Klassement) ein Trikot für die aktivste Fahrerin (blau), für die beste deutsche Fahrerin (orange) und für die beste Amateurfahrerin (lila). Dieses letzte Trikot liegt Vera Hohlfeld spürbar am Herzen. Neben ihrer Tätigkeit als Tour-Organisatorin ist sie auch Leiterin des Teams MAXX SOLAR Lindig, einem der beiden vertretenen Regionalteams. Ähnlich wie die U23-Wertung sieht sie auch das violette Trikot als ein Nachwuchstrikot an, einen Ansporn für junge Fahrerinnen, die noch nicht den Sprung in ein Profiteam geschafft haben. In der oben erwähnten Pressekonferenz sagt sie: „Ich weiß selber, wie das war, wenn man als ganz junge Sportlerin mit zwanzig oder zweiundzwanzig in einem Rennen ist und man sieht eigentlich überhaupt gar kein Licht, sondern immer nur hinten bei den Bergen wieder reinfahren, hinten rein, und am nächsten Berg wieder abfallen. Da ist das Trikot einfach, glaube ich, eine Motivation für die Sportlerinnen, die in fünf Jahren vielleicht ganz vorne die Rundfahrt mitgestalten.“


Mir gefällt diese Lösung, mit dem Leistungsgefälle umzugehen, das zwangsläufig in einem Feld entsteht, in dem von der Weltspitze bis zur jungen Fahrerin im Amateurteam alles vertreten ist. Aber auch wenn die Amateurteams für die Gesamtwertung chancenlos sind, ist die Rundfahrt für die Fahrerinnen eine große Bühne, um sich zu zeigen. „Sie sind stolz, dabei zu sein“, sagt Vera Hohlfeld. „Letztes Jahr haben sich die Amateurmannschaften super verkauft. Und wir kennen das ja: Vorne rausfahren, gesehen werden, auf die Kamera halten, und dann ist der Sponsor in der Tasche. Vielleicht…“ Vor diesem Hintergrund wäre ein Aufstieg des Rennens in die Women’s WorldTour ein Einschnitt, der den Charakter der Rundfahrt durchaus ändern würde. Ich frage mich, ob die Einzigartigkeit der Ladies Tour bisher nicht vielleicht gerade darin bestand, dass sie aufgrund ihres Prestiges einerseits die Stars anzog, andererseits aber als Rennen der Pro Series auch den Regionalteams ihre Chance geben konnte. Die Bühne für die Amateurfahrerinnen würde wegfallen, wenn das Rennen in die erste Kategorie aufsteigt. Sollte sich herausstellen, dass die Konstellation in diesem Jahr keine Ausnahme war, sondern sie sich als eine der Kehrseiten der ansonsten so begrüßenswerten Professionalisierung im Frauenradsport verstetigt, droht ein systembedingter Prestigeverlust. Für mich klingt es nach einem handfesten Dilemma.


Romy Kasper
Romy Kasper unmittelbar vor dem Rennen.

Eine Stunde vor dem Start beginnt die vom UCI-Reglement geforderte Einschreibung für das Rennen. Auf einer Tafel stehen alle Teams gelistet; jede Fahrerin hat dort ein Feld für ihre Unterschrift. Aber das Beste daran ist: Anders als bei der Teampräsentation am Vorabend kommen sie nun schon auf ihren Rädern. Ich trinke gerade noch in einer Eisdiele mit Außenbestuhlung direkt am Zielbogen (umgeben übrigens von den Polizisten aus dem Tross, die allesamt riesige Eisbecher vor sich stehen haben) einen Kaffee – da rollen als erstes die Frauen vom belgischen Team Lotto Soudal Ladies heran. Sie sind etwas zu früh und müssen noch eine Runde drehen, bevor sie auf die Bühne dürfen. Es ist ein phantastisches Schauspiel, das nun beginnt. Ein Team nach dem anderen fährt in Formation vor, die Rennmaschinen werden an die Absperrgitter gelehnt, und während die einen die Bühne betreten, sich noch einmal zum Foto aufstellen, dann ihre Unterschrift leisten, erklingt schon wieder ein sechsstimmiges Freilaufrasseln, die nächste Equipe sucht sich ihren Radabstellplatz. Anschließend ist noch Zeit für kurze Pressestatements, dann geht es wieder in den Sattel, um vielleicht noch etwas zu kreisen, bevor man sich schließlich am Bogen aufstellt.


Der Tag hatte windig und zunehmend bewölkt begonnen, pünktlich zum Start fängt es an zu regnen. Ich öffne meinen Regenschirm, lege ihn aber zum Countdown doch wieder zur Seite. Jetzt will ich auch keine Fotos oder Videos mehr machen, sondern die Hände frei haben zum Applaus. Lange muss ich mich nicht nassregnen lassen. Die Oberbürgermeisterin feuert den Startschuss ab, das Feld rollt an, rollt durch, dann folgen noch die Begleitfahrzeuge. In wenigen Minuten ist alles vorbei, die Zuschauer zerstreuen sich, die Ruhe kehrt zurück. Ich wandere zur Leinwand vor dem Rathaus hinüber, auf der das ganze Rennen übertragen werden soll. Hier sehe ich den „scharfen Start“, die eigentliche Eröffnung des Rennens, der aus Sicherheitsgründen immer erst nach einer neutralisierten Einrollphase erfolgt.


Auch der Regen hört auf, bald zeigt sich sogar die Sonne wieder. Plötzlich hat jeder Zeit, Organisatoren und Presse gleichermaßen. Die Eisdiele am Zielbogen wird stark frequentiert, die Moderatoren (dieses Mals sind sie zu zweit, was deutlich besser gelingt als am Vorabend) kommentieren bald das Renngeschehen auf der Leinwand, bald stehen sie an der Bande und halten ein Schwätzchen mit Vertretern des RC Pfeil Hof. Deren Mountainbike-Jugend findet sich spontan zu einem kleinen Ausscheidungsrennen zusammen. In Paaren werden auf der ansteigenden Zielgeraden Bergsprints gefahren, schließlich treten die jeweils Erst- und Zweitplatzierten gegeneinander an. Zum ersten Mal in meinem Leben tue ich das, was ich schon hunderte Male bei Radrennen im Fernsehen gesehen habe: Um die Kids anzufeuern, trommele ich auf die Reklametafeln, die auf den letzten Metern vorm Zielbogen an den Absperrgittern befestigt sind.


Schließlich mache ich noch einen Ausflug in die Tour-Geschichte. Weil die Moderatoren immer wieder darauf hinweisen, dass es in der Seitengasse noch ein Rahmenprogramm gibt, schaue ich bei den dort aufgebauten Ständen vorbei. So komme ich zu Silvia Knoll. Sie verkauft Teamkleidung und außerdem einen dicken Jubiläumsband, der 2016 zum dreißigjährigen Bestehen der Rundfahrt herausgebracht wurde. Unter dem Titel Mit Frauenpower durch Thüringen wird hier die Geschichte des Rennens in Bildern dargestellt. Seit 1986 wurde es unter zunächst wechselnden Namen ausgetragen: „Straßen-Ländervergleich der Frauen“, „Internationale Etappenfahrt der Frauen in Zeulenroda“, schließlich „Internationale DDR-Rundfahrt der Frauen“. Nach der Wende pausierte es für zwei Jahre, bevor es als „Thüringenrundfahrt der Frauen“ wieder etabliert wurde. Seit 2010 leitet Vera Hohlfeld die Geschicke der Tour. Um dem internationalen Rang gerecht zu werden, entschied sie sich zum Jahr 2017 für eine weitere Umbenennung: Seitdem findet das Rennen als Thüringen Ladies Tour oder – benannt nach dem Hauptsponsor Lotto Thüringen – als Lotto Thüringen Ladies Tour statt. Silvia Knoll ist von der ersten Stunde an dabei. Mit einer Mischung aus Redseligkeit und resolutem Geschäftssinn hat sie ihren Stand fest im Griff. Und nicht nur den. Als ich gerade meinen soeben erworbenen Bildband einstecken will, winkt sie noch schnell die zufällig vorbeilaufende Tourchefin heran. Nun bin ich stolze Besitzerin eines signierten Exemplars …


Wie viel Geschichte tatsächlich an dieser Rundfahrt hängt, wird mir aber erst im Laufe der Woche vollends klar. Ein Rennen, das seit mehr als drei Jahrzehnten fast ohne Unterbrechung ausgetragen wird (außer den beiden erwähnten Jahren direkt nach der Wende gab es noch ein Jahr Corona-Pause), bildet seine eigenen Legenden und magische Orte aus. Einer davon ist der Hanka-Berg, ein vergleichsweise kurzer, aber heftiger Anstieg mit bis zu 16 Prozent Steigung. Er liegt am Ortseingang von Dörtendorf, einem Ortsteil der Stadt Zeulenroda-Triebes im Landkreis Greiz, und gilt als ein regelrechter Publikumsmagnet, ähnlich wie berühmte Anstiege bei der Tour de France. Benannt ist er nach der deutschen Radrennfahrerin Hanka Kupfernagel, die 1999 dort die Rundfahrt für sich entschied. In diesem Jahr musste er als Teil einer 23-Kilometer-Runde um das Örtchen herum gleich fünf Mal gefahren werden – passenderweise am Himmelfahrtstag.


Für solche Legenden, die bisher vor allem die Fahrerinnen selbst und die ganz hartgesottenen Frauenradsportfans kannten, ist nun ausgiebig Platz in den TV-Übertragungen des mdr. Auch diese sind ein Produkt geballter Frauenpower, was ich nur deshalb hervorhebe, weil mir etwas Vergleichbares in der Liveberichterstattung über Radrennen im deutschen Fernsehen noch nicht begegnet ist. Die Moderatorin vor Ort, Steffi Benke, ist im Vorfeld die Strecken zusammen mit der Tour-Chefin Vera Hohlfeld abgefahren; die Bilder, die sie von diesen Fahrten mitgebracht haben, umrahmen die Besprechung der jeweiligen Etappe mit ihrem Anforderungsprofil und den Punktewertungen. Den Live-Kommentar übernehmen Eike Papsdorf und als Expertin keine Geringere als die ehemalige Radrennfahrerin Petra Rossner. Über zwanzig Mal nahm sie selbst an der Thüringenrundfahrt teil, zunächst als aktive Fahrerin, nach ihrem Karriereende im Jahr 2004 auch als sportliche Leiterin des sehr erfolgreichen Frauen-Profiteams Equipe Nürnberger. Im Jahr 1987 konnte sie die Rundfahrt sogar einmal für sich entscheiden.


Von dieser immensen Erfahrung lässt sie ihre Zuschauer*innen nun in doppelter Hinsicht profitieren. Einerseits gelingt es ihr, die verschiedenen taktischen Konstellationen im Rennverlauf auf nicht nur informative, sondern auch allgemein verständliche Weise zu zu analysieren. Dabei verwendet sie das Bild des Schachspielens: Wer setzt wen auf welche Weise am Ende einer langen Kette von strategischen Entscheidungen schachmatt, das sei dabei die Frage. Andererseits lässt sie aber auch die Geschichten lebendig werden, die für sie selbst mit der Rundfahrt zusammenhängen. Den Hanka-Berg etwa verbindet sie mit einem Lachkrampf, den sie zusammen mit Judith Arndt erleiden musste. Ein Zuschauer mit einer riesigen aufgeblasenen Winkehand sei am Straßenrand entlanggelaufen und plötzlich in den Graben gefallen. „Wir sahen nur noch die Winkehand und wir mussten so loslachen, dass wir hinten aus dem Feld rausgefallen sind, weil wir Sauerstoffmangel hatten. Das war wirklich richtig peinlich, aber wir konnten uns das nicht verklemmen. Ein ganz bitterer Moment. Ich kam sowieso schon schlecht da hoch, und dann noch ein Lachkrampf. Aber da waren so viele Zuschauer mit am Rand und das war so ein lustiges Bild, wir haben jahrelang noch darüber gelacht.“


Dann verrät sie noch, dass Hanka Kupfernagels Sieg im Gesamtklassement unter anderem auch durch eine teamübergreifende Unterstützungsaktion zustandegekommen ist. „Ja“, erzählt sie, „das war so, dass auf der Etappe nicht alles klarging und dass eine Gruppe weg war oder eine Fahrerin – ich erinnere das nicht mehr genau. Ich weiß nur, dass unser Nationaltrainer damals, Jochen Dornbusch, zu uns kam und gesagt hat: Hey, ihr müsst jetzt hier was machen, wenn ihr noch irgendwie mithelfen könnt, macht das! Hanka ist in ihrem eigenen Team gefahren, wir waren in der Nationalmannschaft. Und ich erinnere, dass Judith Arndt dort diese Lücke geschlossen hat, wie ein Moped ist sie von vorne gefahren, dass eine deutsche Fahrerin dort die Rundfahrt gewinnt.“ Wenn man kann und selbst als Team keine Eisen mehr im Feuer hat, ist es legitim, als Nationalmannschaft auch mal für die Landsfrau im anderen Team in die Bresche zu springen, so Rossner. Auch sie betont immer wieder, dass Straßenradsport durch und durch ein Teamsport ist.


Die Hofer Etappe verfolge ich allerdings – bis auf die kurzzeitige Verpflichtung im Trommelensemble für die Mountainbike-Kids und den Abstecher zum „Rahmenprogramm“ – komplett auf der Leinwand am Rathaus. Es ist großartig, auf diese Weise ein Radrennen zu schauen. Ich finde einen Platz auf einer sonnigen Treppe vor einem Hauseingang, einige andere Zuschauer verfolgen das Geschehen von der Terrasse des besagten Eiscafés aus. Je näher das Rennen der Stadt kommt, umso aufgeregter bin ich. Immer mehr Menschen sammeln sich nun wieder an den Absperrgittern, auch ich stelle mich in Position. Die Zahl der noch zu absolvierenden Kilometer zählt herunter, noch zwölf, noch elf. Romy und Linda, auf die ich natürlich besonders achte, sind beide vorn mit dabei und haben sich sehr präsent und wachsam gezeigt, wenn jemand einen Versuch startete, sich abzusetzen. Gleich wird die Spitzengruppe unten am Fuß der langen Zielgeraden zum ersten Mal um die Kurve biegen. Der Blick geht zwischen Leinwand und Straße hin und her. Dann geht alles rasend schnell. Trommeln, jubeln. Ich erkenne ganz vorn die Trikots von BIKE EXCHANGE Jayco, Le Col – Wahoo und Parkhotel Valkenburg. Dass es die Australierin Alexandra Manly war, die sich die Sprintwertung geholt hat, erfahren wir erst einige Minuten später.


Der Blick geht wieder zur Leinwand, denn jetzt folgt für die Gruppe noch eine Runde durch die Stadt. Eine der Fahrerinnen von Parkhotel Valkenburg scheint den chaotischen Moment nach der Zieldurchfahrt für eine Attacke genutzt zu haben, plötzlich fährt sie allein voran. Ich schaue auf mein Handy, wo ich die Meldeliste in Bereitschaft habe, und suche die Startnummer: Es ist Mischa Bredewold, eine zweiundzwanzig Jahre junge Niederländerin, deren Namen ich mir bereits bei den Übertragungen der Frühjahrsklassiker dieses Jahr gemerkt hatte. Jetzt erreicht sie das rote Pflaster der Fußgängerzone, kurz darauf rast sie die Bismarckstraße hinab und biegt an meinem Hotel um die Kurve – weiter bergab zur Saale. Während die Spitzengruppe versuchen muss, aufzuschließen, kommen bei mir auf der Zielgeraden weitere Gruppen an. Selbstverständlich wird auch für sie getrommelt und gejubelt. Lisa Brennauer, gut zu erkennen an ihrem deutschen Meistertrikot, hatte aufgrund ihrer langen Corona-Pause bereits im Vorfeld die Erwartungen gedämpft: Als sie mit einigen Minuten Rückstand vorbeirauscht, wird sie dennoch gebührend gefeiert.


Der Switch zwischen Leinwand und einsehbarer Straße erzeugt eine riesige Spannung. „Wie bei der Tour“, höre ich jemanden neben mir sagen. Mischa Bredewold fährt zeitweise einen Vorsprung von dreizehn, vierzehn Sekunden heraus. Selbst drei, zwei Kilometer vor dem Ziel scheint der Abstand noch nicht zu schrumpfen. Schließlich gibt es eine lange Einstellung von hinten, man sieht ihren Rücken und auch ihre Sicht – nicht mehr aber den Abstand zu den Verfolgerinnen. Noch einen Kilometer. Sie biegt um eine Kurve, dann scheint es über die Saale zu gehen. Gleich ist sie da, gleich erscheint sie unten auf der Zielgeraden – sie ist da, sie ist auf der Zielgeraden, und direkt danach auch schon die Gruppe. Fast im selben Moment, in dem sie in unsere Sicht kommt, ist sie gestellt. Siegerin wird Alexandra Manly, mit dem zweiten Platz kann Femke Markus die Attacke ihrer Teamkollegin Mischa Bredewold für Parkhotel Valkenburg mit Erfolg krönen. Diese selbst fährt immerhin noch auf Rang vier, eine beachtliche Leistung nach ihrer Solorunde. Beste deutsche Fahrerin wird Linda (im Video unten ihre Ehrung durch Vera Hohlfeld persönlich), dicht gefolgt von Romy, die ihr die Anfahrerin gemacht hat. Die beiden kommen als zwölfte und dreizehnte ins Ziel.



Die weitere Woche


Was gibt es noch zu erzählen? Am nächsten Tag (Etappe 2: Rund um Gera) tauschten Linda und Romy die Rollen: Der Youngster leistete im Finale die Anfahrt für die erfahrene Teamkollegin. Diese fuhr anschließend der deutschen Nationalmannschaft das beste Etappenergebnis ein und landete als schnellste deutsche Fahrerin auf Rang sechs. Ab der dritten Etappe übernahm Ricarda Bauernfeind das orangefarbene Trikot und gab es in den folgenden Tagen auch nicht mehr her. Ebenfalls gerade erst von einer Covid-Infektion genesen, brauchte die junge Frau aus Eichstätt zwei Tage, um wieder zu ihrer Form zurückzufinden. An Himmelfahrt am Hanka-Berg zeigte sie dann erstmals, was in ihr steckt und schloss als vierte ab. Auf der Etappe „Rund um Schleitz“ fuhr sie sogar auf das Podium der Tagessiegerinnen – als zweite nach Alexandra Manly. Sie beendete die Rundfahrt auf einem starken fünften Rang im Gesamtklassement und als dritte in der U23-Wertung.


Dominante Siegerin blieb die Australierin Alexandra Manly. Nach insgesamt vier Etappen, die sie für sich entscheiden konnte, fuhr sie schließlich beide Trikots nachhause, die sie schon in Hof angezogen hatte – das gelbe für den Gesamtsieg und das pinke für die Sprintwertung. Für den spektakulärsten Moment der Tour sorgte aber eine andere junge Frau: Yuliia Biriukova aus Lviv in der Ukraine. Bei schwierigsten Bedingungen fuhr die Fahrerin des französische Teams Arkea Pro Cycling fast hundert Kilometer ganz auf sich allein gestellt. Die Gräser und Büsche am Straßenrand bogen sich im Wind, das Peloton fächerte sich auf, um den Windschatten optimal zu nutzen. Biriukova fuhr trotzdem einen beachtlichen Vorsprung heraus. Ihre Trittfrequenz sank, schließlich wankte sie mit jedem Tritt hin und her. „Da tun mir beim Hinsehen die Beine weh“, litt Petra Rossner im Kommentar mit ihr. „Das muss man wollen. Das sind solche Schmerzen, da muss man vor sich sehen, wie man als erste über den Zielstrich rollt.“ Demnach wollte Biriukova. Vier Sekunden Vorsprung rettete sie am Ende ins Ziel, gefolgt von Manly, die dieses Mal nur zweite wurde. Es war die einzige Etappe, die nicht an das australische WorldTour-Team ging (auf der zweiten Etappe in Gera durfte Manlys Teamkollegin Georgia Baker ganz oben stehen).


Obwohl am 29. Mai in Altenburg eine 34. Auflage der Lotto Thüringen Ladies Tour zu Ende ging, die sich in jeder Hinsicht sehen lassen konnte, bleiben die Probleme, die Vera Hohlfeld schon in der oben zitierten Pressekonferenz durchscheinen ließ, offenbar bestehen. In einem Interview für radsport-news (allerdings handelt es sich hier um den bezahlpflichtigen Bereich des Online-Magazins) scheint sie kürzlich gesagt zu haben, dass mit dem aktuellen Budget eine 35. Auflage der Tour kaum möglich sei. Nach der Schlussetappe war auf der Veranstaltungswebsite kommuniziert worden, eine Lizenz für die Women’s WorldTour sei „gegenwärtig für das Jahr 2023 kein Thema“. Allerdings sei man auf der Suche nach einem anderen Termin. „Wir sind bekanntlich mit dem Termin nicht ganz glücklich. Wir haben uns für 2023 einen Termin im Juni ausgeguckt, den wir beantragen werden“, wird Vera Hohlfeld in dem Statement zitiert. „Wir wollen im nächsten Jahr auf jeden Fall weitermachen und arbeiten bereits daran.“


Und ich? Mein Tourfunk hat mir, wie hätte es anders sein können, auch ordentlich in diesen Text hinein gebrüllt. Deshalb erscheint er erst jetzt und ist nicht schon letzte Woche erschienen, womöglich mit dem Ziel, auf diesem Weg noch ein wenig Werbung für die letzten Etappen der Ladies Tour zu machen. Wer in einem Rennen ständig eingehämmert bekommt, wie miserabel der eigene Trainingszustand ist, wie unzureichend die Rennübersicht, wie würdelos der Gesamtauftritt, der wird sicherlich keine Bestzeit fahren. Ebenso mühsam schreibt sich ein Text, wenn man ihn einem ständigen Hagelschauer von „lächerlich, peinlich, interessiert niemanden“ abringen muss. Ich könnte mich darüber ärgern. Ich könnte mich selbst dafür verfluchen, dass ich es nicht schaffe, mir den Knopf aus dem Ohr zu reißen. Aber das Lamento ist alles in allem nicht mein Genre. Ich war in Hof, ein Text ist geworden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass die Pöbeleien irgendwann verstummen, wenn die Despoten im Teamfahrzeug merken: Die Athletin geht trotzdem ihren Weg.



© Sarah Finke, 03. Juni 2022.







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